Boie, Kirsten (Autorin) / Birk, Jan (Illustr.) – Bestimmt wird alles gut

Boie, Kirsten Bestimmt wird alles gut 978-3-95470-134-6 Klett Kinderbuch

Boie, Kirsten
Bestimmt wird alles gut
978-3-95470-134-6
Klett Kinderbuch

Inhalt:

Früher haben Rahaf und Hassan in der syrischen Stadt Homs gewohnt und es schön gehabt. Aber dann kamen immer öfter die Flugzeuge und man musste immerzu Angst haben. Da haben die Eltern beschlossen wegzugehen in ein anderes Land. Wie sie über Ägypten in einem viel zu kleinen Schiff nach Italien gereist sind und von dort weiter nach Deutschland – das alles hat sich Kirsten Boie von Rahaf und Hassan erzählen lassen und erzählt es uns weiter. Auch von einer schimpfenden Frau im Zug und einem freundlichen Schaffner. Und von Emma, die in der neuen Schule Rahafs Freundin wird.
Wir bringen diese bewegende Geschichte zweisprachig heraus, damit viele Flüchtlingskinder sie in ihrer Sprache lesen können. Außerdem hilft ein kleiner Sprachführer im Anhang beim Deutsch- und Arabisch-Lernen. Jan Bircks Bilder begleiten den knappen Text auf eindrückliche und warmherzige Weise.
Ein schweres und brisantes Thema, eine wohltuende Geschichte, ein schönes Buch.

Meine Meinung:

Mit einem Blick erfasst der Betrachter die Situation auf dem Buchdeckel. Ein Thema, dass berührt, ein Thema das  Weiterlesen

Bondoux, Anne Laure – Die Zeit der Wunder

Bondoux, Anne-Laure Die Zeit der Wunder ISBN 978-3-551-58241-6

Bondoux, Anne-Laure
Die Zeit der Wunder
ISBN 978-3-551-58241-6

Inhalt:

An dem Tag, als die Zollbeamten mich hinten im Lastwagen fanden, war ich zwölf Jahre alt. Ich roch so schlecht wie Abdelmaliks Müllhäuschen.
Obwohl Monsieur Ha sich alle Mühe gegeben hatte, den offiziellen Stempel auf dem Foto in meinem Pass wiederherzustellen, glaubten die Zollbeamten nicht, dass ich ein echter kleiner Franzose war. Ich hätte ihnen gerne alles erklärt, aber dafür war mein Französisch zu schlecht. Also zogen sie mich am Kragen meines Pullovers aus dem Lastwagen und nahmen mich mit.
So endete meine Kindheit: plötzlich und unerwartet, an der Autobahn A4, als mir klar wurde, dass ich allein im Land der Menschenrechte würde zurechtkommen müssen.“

Die Geschichte des Jungen Koumaïl, der aus den Kriegswirren des Kaukasus bis nach Frankreich flieht und nie den Mut und den Glauben an das Glück verliert.
Und ein Buch darüber, wie weit Träume tragen.

 

Meine Meinung:

Ein Buch, das auf der Auswahlliste für ein Kinder- und Jugendbuch-Literaturseminar stand. Empfohlen ab 12 Jahren, aber selbst Erwachsene finden in diesem Buch treffende Aussagen.

Das Buch zeigt, dass Kinder natürlich eine andere Wahrnehmung haben, und diese wird hier in dieser Geschichte sehr gut beschrieben. Selbst in Kriegszeiten und Ausnahmesituationen verstehen sie es, sich eine eigene Welt zu schaffen und auch miteinander zu Normalität zu „spielen“, halt mit denen Dingen, die es gibt und die keine typischen Spielsachen sind.

Nun zu der Geschichte:

**Vorsicht Spoiler**

Koumail, 11 Jahre, wird in so einer Welt, einer Krisenregion, groß. Er und seine Ziehmutter sind Flüchtlinge. Sie bleiben immer nur an einem Ort, bis es eine „Razzia“ gibt und flüchten dann weiter, über fünf Jahre ziehen sie umher und nähern sich Ihren Ziel: Frankreich.

Gloria, seine Ziehmutter behauptet, Koumail’s richtiger Name ist Blaise Fortune und seine richtige Mutter kam bei einem Zugunglück ums leben, als er noch ein Baby war. Er sei Franzose ohne Papiere. Gloria sagt, in Frankreich werden sie uns aufnehmen.

Die guten und schlechten Tage wechseln sich ab, im Durchschnitt gibt es mehr schlechte Tage. Einer der schlechten Tage wird wie folgt beschrieben:

Seite 93: …Mit leerem Blick sagte ich zu Gloria, dass ich genug von den Widrigkeiten des Lebens habe. Ich bin fast elf und habe nichts als überstürzte Aufbrüche, schnelle Abschiede und großen Kummer erlebt. Wenn das so weiter geht, springe ich vom Laster und warte darauf, dass die Soldaten mich erschießen.“

Weitere Zitate:

Seite 104: „…Es ist ein langer Weg, aber das wichtigste ist doch, immer weiterzugehen, oder?“

Seite 116: „…und wenn Gloria gestorben wäre, hätte ich mich neben sie gelegt, um ebenfalls zu sterben. Das ist die reine Wahrheit“.

Egal wo sie sind, Koumail ist ein freundlicher Junge der überall schnell Kontakt zu anderen Kindern und Erwachsenen findet. Man mag diesen kleinen Kerl, und leidet mit ihm unter den Umständen, unter denen sie Leben. Was man halt so Leben nennen kann.

Die Flucht zieht sich durch verschiedene Länder, auch durch Rumänien. Schließlich helfen ihnen dort Zigeuner, also von vielen Völkergruppen die irgendwie unbeliebteste in Europa. Ich fand dass einen passenden Seitenhieb auf den Blickwinkel unserer Gesellschaft. Jedenfalls werden sie dort gut aufgenommen, bleiben einige Zeit, genießen die Gemeinschaft, müssen dann aber weiter. Gloria findet einen LKW, der nach Frankreich fährt, aber unterwegs verlieren sich Gloria und Komail.

Komail kommt durch und wird an der Grenze in Sarreguemines von der Polizei entdeckt. Da er ein Kind ist, darf er in Frankreich bleiben, Kinderflüchtlinge stehen unter besonderen Schutz. Komail wird als Blaise Fortune in Frankreich aufgenommen, auf eine Schule geschickt und bekommt mit 18 Jahren die franz. Staatsangehörigkeit. Während der ganzen Zeit vermisst er Gloria.

Seite140: „Art.20 Kinderrechtskonvention: Anspruch auf besonderen Schutz des Staates. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.“

Seite 147: „In der französischen Schule spielen die Kinder ein Spiel: Unglück gegen Unglück. Derjenige gewinnt, der das meiste Unglück hatte.“

Schlimmer geht immer.

Mir kam der Gedanke, dass Gloria ihn absichtlich unterwegs verlassen hat, einfach deshalb, weil Flüchtlings-Kinder, die alleine sind, größere Chancen haben, nicht wieder ausgewiesen zu werden. In dem Buch steht, es gibt sogar spezielle „Flüchtlingskinder-Klassen“, in denen Flüchtlingskinder die Sprache ihres Aufnahmelandes lernen usw. Das hat mich geschockt, denn es würde mich als Mutter vor die Frage stellen: Würde ich mein Kind alleine in eine „bessere Welt“ schicken? Könnte ich den Rest meines Lebens mit dem gewissen Leben, letztendlich nicht zu wissen, wie es meinem Kind geht, aber zu hoffen, dass es das Beste war? Mir kam der Gedanke, dass dieses Buch –vielleicht- mit einem anderen Titel noch viel mehr (Erwachsene) Leser hätten erreichen können. Wenn ich an Flüchtlinge dachte, dachte ich komischerweise nie an Kinder. Ich stelle mir vor, ich würde meinen Sohn in einem LKW verstecken, mit dem Bewusstsein, ihn nie wieder zu sehen. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Kaum auszuhalten. Oder? Daran kann man gerade als Mutter erkennen, wie schlimm die Lage in diesen Regionen sein muss, um auf solche Gedanken überhaupt erst zu kommen.

Und dann die Gegenseite: Ich wäre die Polizei/Behörde, die die Flüchtlingskinder betreut. Man weiß ja nicht, was diese Kinder für Schrecken erlebt haben. Wie gehe ich mit ihnen um?

Am Schluss nimmt die Geschichte eine Wendung, die man höchstwahrscheinlich als aufmerksamer Leser schon geahnt hat.

Koumails neue/alte Geschichte wird erzählt. Koumails wahre Geschichte.

 

Fazit:

Ein Buch, das man gelesen habe sollte, einfach, um mal über die Problematik der Flüchtlingskinder nachzudenken. Gerade jetzt wieder aktuell! (Sept. 2015; Flüchtlingswelle nach Europa).

Der Erzählstil war nicht so herausragend, aber der starke Inhalt machte dies mehr als wett. Ein Buch, auf das man sich aber auch etwas einlassen muss, aber das sehr authentisch und sehr aufwühlend ist.

Sehr lesenswert!

Pressler, Mirjam – Malka Mai

 

Pressler, Mirjam Malka Mai ISBN 978-3407785947

Pressler, Mirjam
Malka Mai
ISBN 978-3407785947

Inhalt:

Auf der Flucht vor den Nazis muss Hanna Mai ihre siebenjährige Tochter Malka allein zurücklassen.

1943: Die jüdische Ärztin Hanna Mai lebt mit ihren Töchtern Minna und Malka an der polnisch-ungarischen Grenze. Als die Deutschen auch hier mit den Deportationen beginnen, müssen die drei überstürzt fliehen. Sie wollen zu Fuß über die Karpaten, doch Malka wird krank und kann nicht mehr weiter. Schweren Herzens entschließt Hanna sich, das Kind bei Bauern zurückzulassen, die ihr versprechen, das Mädchen nachzubringen, sobald es sich erholt hat. Aber es kommt alles anders: Malka wird entdeckt und in ein Getto verfrachtet. Dort entwickelt die Kleine ungeahnte Kräfte, die sie Hunger, Kälte, Krankheit und Einsamkeit überstehen lassen – bis ihre Mutter schließlich unter großen Gefahren zurückkehrt, um sie zu retten.

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich sehr bewegt. Die Autorin hat eine einfache und klare Sprache, die sich schnell und leicht lesen lässt. Das Thema ist Krieg und Familie, und normalerweise sind Kriegs-Themen nicht so „meins“. Aber dieses Buch hier kann und muss ich einfach jedem empfehlen, vor allem Erwachsenen. Lest es, es lohnt sich!

Das Buch handelt von einer Flucht, in diesem Buch hier sind es Juden, die in den Kriegsjahren fliehen müssen, aber man kann dieses Thema der Flucht auch ganz akutell in die heutige Zeit interpretieren.

Familie Mai, die aus Mutter und zwei Kindern besteht, muss von jetzt auf gleich fliehen. Sie sind Juden. Sie können nur das mitnehmen, was sie bei sich tragen, und das ist nicht viel. Man hat sowas vielleicht schon öfter gehört, gelesen und im Fernsehen gesehen, aber ich glaube, so richtig vorstellen kann man es sich nicht.

Unterwegs auf der Flucht wird die 7jährige Malka krank und die Mutter muss sich schweren Herzens entschließen, das Kind zurück zu lassen, um es dann später zu nachzuholen. Diese Entscheidung zerreißt einem praktisch das Herz, wie hätte man selber gehandelt? Kann ein 7jähriges Kind verstehen, warum es zurück gelassen wird? Ich denke nein.

Und dann nimmt auch noch das unschöne Schicksal seinen Lauf, Malka wird von einem zum anderen geschoben, niemand will sich mit einem jüdischen Kind belasten. Mir stellt sich auch wieder die Frage: Wie hätte man selber gehandelt? Und: wie handeln wir selber heute?

Es ist Krieg, alle haben Angst und einige machen mit dieser Angst ihr Geschäft. Sogenannte Schleuser (dieses Wort kennt man aus der heutigen Zeit) verdienen sich eine goldene Nase mit den Schätzen der jüdischen Flüchtlinge, die so nach und nach alles zurücklassen müssen, auch ihre Identität. Erschreckt hat mich auch die Gewalt gegen Kinder, ich kann mir leider vorstellen, dass es zu Kriegszeiten so zugegangen sein konnte.

Die Geschichte ist ab der Flucht sehr spannend. Wie geht es weiter? Kommen alle durch? Alles in allem frage ich mich schon, ab welchen Alter dieses Buch gelesen werden sollte. Es ist im ersten Sinne ein Jugendbuch, aber ich finde, genauso gut ein Erwachsenenbuch.

Malka landet schließlich im Ghetto, ihre Familie ist weiterhin auf der Flucht. Malka ist allein, ganz allein. Keine Familie, keine Freunde, keine Verwandtschaft. Ein 7jähriges Kind allein im Ghetto, Mutter-Seelen-Allein, wie kann ein Kind sowas verkraften? Sie sieht schreckliches, was sie sich nicht so richtig erklären kann.

„… Sie blieb sitzen und schaute den Leuten zu, die die Kirche verließen. Sie sahen so ruhig aus, Malka konnte es nicht verstehen. Nicht weit von hier passierte etwas schlimmes, nicht weit von hier fielen die Juden wie Stoffpuppen auf die Straße und diese Menschen hier waren ganz ruhig und lächelten sogar vor sich hin …“

Und keiner ist bereit, die Kleine aufzunehmen. Jeder ist froh, wenn er selber irgendwie durchkommt. Malka fehlt es an den Grundbedürfnissen: Schlafplatz, Essen, Kleidung, einfach alles.

„… An diesem Abend aß sie den Apfel, den Ciotka ihr gegeben hatte. So lange hatte sie ihn aufbewahrt, als ihren kostbarsten Besitz. Nun besaß sie gar nichts mehr. …“

„… Die Tage vergingen, ohne dass Malka sie zählte. Sie teilte ihr Tage in Essen oder Nichtessen ein. Die Essenstage trugen Namen, waren Lichtblicke im Grau der dahinfließenden Tage, die vom Hunger bestimmt waren und die sie einfach andere „Tage“ nannte. …“

Das Elend geht weiter, wie viel kann eine Kinderseele ertragen? Hunger und Kälte sind sehr eindrücklich beschrieben. Und ich dachte immer, es ist ja kein Erwachsener, sondern ein kleines Kind. Schlimm.

Malka findet einen toten Jungen, und überlegt sich, ob sie dessen Schal nehmen soll, da er ihn ja nicht mehr braucht. Sie ist zögerlich. Andere nicht. Andere sind durch den täglichen Überlebenskampf im Ghetto ganz verroht.

„… Sie hatte zu lange gezögert, denn auf einmal war sie nicht mehr allein, Leute standen um sie herum und betrachteten den Jungen. … Ein Mann bückte sich, knotete den Schal auf und zerrte ihn unter dem Kopf des Jungen hervor. Der Kopf bewegte sich und fiel zur Seite, der offene Mund berührte nun den Straßendreck. Enttäuscht ging Malka weg. Wieder einmal war sie zu dumm gewesen.

Später, als sie am Gartenzaun saß, zerdrückte sie eine Schnecke mit einem Stein. Langsam und ohne etwas zu fühlen. Das Haus zerbrach krackend und knisternd, die Schnecke krümmt sich und hört erst auf sich zu bewegen, als Malka sie vollkommen zerquetscht hatte. …“

 

Das Ende, das ich nicht verraten möchte, ist in diesem Sinne kein Happy End.

Die Geschichte basiert zum Teil auf einer wahren Begebenheit. Eine Malka Mai hat es wirklich gegeben, die Autorin hat ein Nachwort verfasst.

Fazit:

Erschreckend aktuell im Anbetracht der Flüchtlingsströme aus Syrien (Sep. 2015).

Ein Buch das man gelesen haben MUSS!