Pressler, Mirjam – Malka Mai

 

Pressler, Mirjam Malka Mai ISBN 978-3407785947

Pressler, Mirjam
Malka Mai
ISBN 978-3407785947

Inhalt:

Auf der Flucht vor den Nazis muss Hanna Mai ihre siebenjährige Tochter Malka allein zurücklassen.

1943: Die jüdische Ärztin Hanna Mai lebt mit ihren Töchtern Minna und Malka an der polnisch-ungarischen Grenze. Als die Deutschen auch hier mit den Deportationen beginnen, müssen die drei überstürzt fliehen. Sie wollen zu Fuß über die Karpaten, doch Malka wird krank und kann nicht mehr weiter. Schweren Herzens entschließt Hanna sich, das Kind bei Bauern zurückzulassen, die ihr versprechen, das Mädchen nachzubringen, sobald es sich erholt hat. Aber es kommt alles anders: Malka wird entdeckt und in ein Getto verfrachtet. Dort entwickelt die Kleine ungeahnte Kräfte, die sie Hunger, Kälte, Krankheit und Einsamkeit überstehen lassen – bis ihre Mutter schließlich unter großen Gefahren zurückkehrt, um sie zu retten.

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich sehr bewegt. Die Autorin hat eine einfache und klare Sprache, die sich schnell und leicht lesen lässt. Das Thema ist Krieg und Familie, und normalerweise sind Kriegs-Themen nicht so „meins“. Aber dieses Buch hier kann und muss ich einfach jedem empfehlen, vor allem Erwachsenen. Lest es, es lohnt sich!

Das Buch handelt von einer Flucht, in diesem Buch hier sind es Juden, die in den Kriegsjahren fliehen müssen, aber man kann dieses Thema der Flucht auch ganz akutell in die heutige Zeit interpretieren.

Familie Mai, die aus Mutter und zwei Kindern besteht, muss von jetzt auf gleich fliehen. Sie sind Juden. Sie können nur das mitnehmen, was sie bei sich tragen, und das ist nicht viel. Man hat sowas vielleicht schon öfter gehört, gelesen und im Fernsehen gesehen, aber ich glaube, so richtig vorstellen kann man es sich nicht.

Unterwegs auf der Flucht wird die 7jährige Malka krank und die Mutter muss sich schweren Herzens entschließen, das Kind zurück zu lassen, um es dann später zu nachzuholen. Diese Entscheidung zerreißt einem praktisch das Herz, wie hätte man selber gehandelt? Kann ein 7jähriges Kind verstehen, warum es zurück gelassen wird? Ich denke nein.

Und dann nimmt auch noch das unschöne Schicksal seinen Lauf, Malka wird von einem zum anderen geschoben, niemand will sich mit einem jüdischen Kind belasten. Mir stellt sich auch wieder die Frage: Wie hätte man selber gehandelt? Und: wie handeln wir selber heute?

Es ist Krieg, alle haben Angst und einige machen mit dieser Angst ihr Geschäft. Sogenannte Schleuser (dieses Wort kennt man aus der heutigen Zeit) verdienen sich eine goldene Nase mit den Schätzen der jüdischen Flüchtlinge, die so nach und nach alles zurücklassen müssen, auch ihre Identität. Erschreckt hat mich auch die Gewalt gegen Kinder, ich kann mir leider vorstellen, dass es zu Kriegszeiten so zugegangen sein konnte.

Die Geschichte ist ab der Flucht sehr spannend. Wie geht es weiter? Kommen alle durch? Alles in allem frage ich mich schon, ab welchen Alter dieses Buch gelesen werden sollte. Es ist im ersten Sinne ein Jugendbuch, aber ich finde, genauso gut ein Erwachsenenbuch.

Malka landet schließlich im Ghetto, ihre Familie ist weiterhin auf der Flucht. Malka ist allein, ganz allein. Keine Familie, keine Freunde, keine Verwandtschaft. Ein 7jähriges Kind allein im Ghetto, Mutter-Seelen-Allein, wie kann ein Kind sowas verkraften? Sie sieht schreckliches, was sie sich nicht so richtig erklären kann.

„… Sie blieb sitzen und schaute den Leuten zu, die die Kirche verließen. Sie sahen so ruhig aus, Malka konnte es nicht verstehen. Nicht weit von hier passierte etwas schlimmes, nicht weit von hier fielen die Juden wie Stoffpuppen auf die Straße und diese Menschen hier waren ganz ruhig und lächelten sogar vor sich hin …“

Und keiner ist bereit, die Kleine aufzunehmen. Jeder ist froh, wenn er selber irgendwie durchkommt. Malka fehlt es an den Grundbedürfnissen: Schlafplatz, Essen, Kleidung, einfach alles.

„… An diesem Abend aß sie den Apfel, den Ciotka ihr gegeben hatte. So lange hatte sie ihn aufbewahrt, als ihren kostbarsten Besitz. Nun besaß sie gar nichts mehr. …“

„… Die Tage vergingen, ohne dass Malka sie zählte. Sie teilte ihr Tage in Essen oder Nichtessen ein. Die Essenstage trugen Namen, waren Lichtblicke im Grau der dahinfließenden Tage, die vom Hunger bestimmt waren und die sie einfach andere „Tage“ nannte. …“

Das Elend geht weiter, wie viel kann eine Kinderseele ertragen? Hunger und Kälte sind sehr eindrücklich beschrieben. Und ich dachte immer, es ist ja kein Erwachsener, sondern ein kleines Kind. Schlimm.

Malka findet einen toten Jungen, und überlegt sich, ob sie dessen Schal nehmen soll, da er ihn ja nicht mehr braucht. Sie ist zögerlich. Andere nicht. Andere sind durch den täglichen Überlebenskampf im Ghetto ganz verroht.

„… Sie hatte zu lange gezögert, denn auf einmal war sie nicht mehr allein, Leute standen um sie herum und betrachteten den Jungen. … Ein Mann bückte sich, knotete den Schal auf und zerrte ihn unter dem Kopf des Jungen hervor. Der Kopf bewegte sich und fiel zur Seite, der offene Mund berührte nun den Straßendreck. Enttäuscht ging Malka weg. Wieder einmal war sie zu dumm gewesen.

Später, als sie am Gartenzaun saß, zerdrückte sie eine Schnecke mit einem Stein. Langsam und ohne etwas zu fühlen. Das Haus zerbrach krackend und knisternd, die Schnecke krümmt sich und hört erst auf sich zu bewegen, als Malka sie vollkommen zerquetscht hatte. …“

 

Das Ende, das ich nicht verraten möchte, ist in diesem Sinne kein Happy End.

Die Geschichte basiert zum Teil auf einer wahren Begebenheit. Eine Malka Mai hat es wirklich gegeben, die Autorin hat ein Nachwort verfasst.

Fazit:

Erschreckend aktuell im Anbetracht der Flüchtlingsströme aus Syrien (Sep. 2015).

Ein Buch das man gelesen haben MUSS!

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