Lieske, Tanya – Oma, die Miethaie und ich

Lieske, Tanya Oma, die Miethaie und ich 978-3-407-82018-1 Beltz & Gelberg

Lieske, Tanya
Oma, die Miethaie und ich
978-3-407-82018-1
Beltz & Gelberg

Inhalt:

Die zehnjährige Salila und ihre Oma sollen ausziehen – dabei haben sie doch immer in der Wohnung gewohnt mit der Kastanie vor dem Fenster und der kleinen Werkstatt im Hof. Aber jetzt soll das ganze Haus saniert werden …

Schon immer leben Salila und Oma Henriette in der schönen Wohnung mit der Kastanie vor dem Fenster. Doch dann tauchen Briefe auf, die Oma einfach beiseitelegt. Salila öffnet sie heimlich: Ein Miethai hat ihr Haus geerbt und nun soll es aufwendig saniert werden. Warum liest Oma sie nicht? Bald weiß Salila warum und nimmt die Sache selbst in die Hand …

Meine Meinung:

Eine Freundin hat mich auf dieses  Buch aufmerksam gemacht. Der originelle Titel spricht aber auch so schon für sich, ich stellte mir etwas Lustiges zum Lesen vor. Das war es dann aber nicht. Es war eine gemütliche Geschichte in einem Düsseldorfer Altstadtviertel. Die Geschichte vermittelt eine wunderbare Geborgenheit, die ein Mädchen bei seiner Oma erlebt, nachdem ihre Mutter gestorben ist. Die beiden sind wirklich ein Team, und Andeutungen auf den ersten Seiten sensibilisieren zumindest die Erwachsenen Leser für das Thema Analphabetismus. Ich bin mir nicht sicher, ob Kinder das auch von Anfang an verstehen werden.

Salila wird bei ihrer Oma groß, nachdem ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist. Sie ist eine sehr gute Schülerin, der das Lernen leicht fällt. Besonders gefallen hat mir das Schlafen-gehen-Ritual, der „Dreierschwatz“. Oma Henriette und Salila erzählen der toten Mama jeden Abend, was über Tag passiert ist. Eine weitere Thematik, die aber eher am Rande erwähnt wird, ist, dass Salila keine Freundschaften hat. Deswegen freut sie sich umso mehr, wenn im Sommer Mehmet kommt, der Neffe vom Gemüsehändler. Aber auch hier gibt es eine kleine Weiterentwicklung, denn die beide werden „erwachsener“ und Mehmet hat keine Lust mehr für Mädchen-Dinge.

Oma Henriette bezeichnet sich selbst als eine viel gereiste Künstlerin, ich würde sagen, sie ist eine Lebenskünstlerin und lebt im eigenen Mikrokosmos. Sie hat eine kleine Reparaturwerkstatt und repariert gegen Bargeld verschiedene Kleinigkeiten in ihrer Nachbarschaft. Warum das alles so ist, wie es ist, erfährt man nach und nach in der Geschichte. Auf Seite 109 macht Oma Henriette Andeutungen, warum sie so viel gereist ist. Es bleibt allerdings viel der Phantasie überlassen. Ebenso wie das Leben eines heimlichen Analphabeten sein kann: den „Brille-vergessen“-Trick, Zettel zu malen statt zu schreiben usw. Hier erst macht sich der erwachsene und vielleicht auch der kindliche Leser Gedanken darüber, wo einen überall Lese-Situationen überraschen können.

Salila und Oma Henriette wohnen in einer sehr günstigen Wohnung in einem dieser interkulturellen Altstadtviertel mit vielen kleinen Geschäften. Es ist ein geregeltes Leben, bis die „Miethaie“ kommen, denn das Viertel bietet preiswerte Ateliers und helle Lofts für findige Geschäftemacher. Auch die beiden sollen nun ihre Wohnung verlassen und endlich gesteht Oma Henriette Salila, warum sie nicht lesen kann. Am Schluss gibt es für alle eine Lösung und sogar noch einen Ausblick, wie es Mehmet in den nächsten Jahren ergehen wird. Vielleicht dürfen die Leser auf eine Fortsetzung hoffen? Ich würde es mir wünschen.

Es gibt einige Fremdwörter in diesem Buch, die während des Lesens geschichtenbezogen erklärt werden, z.B. Miethaie. Salila sammelt zudem „Zwillingswörter“, die auf den letzten Buchseiten nochmal alle aufgelistet werden. Das ist eine schöne Wortschatzerweiterung für die jungen Leser.

Salila schreibt zudem Geschichten, und so gibt es zu den vielen Ereignissen eine Parallelgeschichte, in der Prinzessin Noue und der Tiger Laute eine Rolle spielen.

Fazit:

Ein interessantes Buch für geübte Lese-Kinder ab 9 Jahren. Für Kinder ist es doch viel Text, und die Geschichte lässt sich nicht so leicht „runterlesen“, wie es auf den ersten Blick scheint. Man muss öfter mal über das gelesene nachdenken.

Dennoch bietet die Geschichte ganz viele unterschiedliche Ansatzpunkte in Alltagssituationen wie Analphabetismus, Trauerbewältigung , Verbundenheit, Geborgenheit und das alles mit einer alleinerziehenden Oma und ihrer Enkelin. Manche Schilderungen sind zu leicht und idyllisch, z.B. dass Salila eine sehr gute Schülerin ist und ihr das Lernen leicht fällt, oder diese „Hinterhof-Werkstatt-Romantik“. Die Themen die in diesem Buch verarbeitet werden, wiegen schwer, der leichte und vor allem ruhige Erzählton gleicht dies aber aus. Es ist eine eher brave Geschichte mit einer korrekten kleinen Heldin. Und dennoch ein ganz besonders lesenswertes Buch für Kinder.

Empfehlenswert !