Bondoux, Anne Laure – Die Zeit der Wunder

Bondoux, Anne-Laure Die Zeit der Wunder ISBN 978-3-551-58241-6

Bondoux, Anne-Laure
Die Zeit der Wunder
ISBN 978-3-551-58241-6

Inhalt:

An dem Tag, als die Zollbeamten mich hinten im Lastwagen fanden, war ich zwölf Jahre alt. Ich roch so schlecht wie Abdelmaliks Müllhäuschen.
Obwohl Monsieur Ha sich alle Mühe gegeben hatte, den offiziellen Stempel auf dem Foto in meinem Pass wiederherzustellen, glaubten die Zollbeamten nicht, dass ich ein echter kleiner Franzose war. Ich hätte ihnen gerne alles erklärt, aber dafür war mein Französisch zu schlecht. Also zogen sie mich am Kragen meines Pullovers aus dem Lastwagen und nahmen mich mit.
So endete meine Kindheit: plötzlich und unerwartet, an der Autobahn A4, als mir klar wurde, dass ich allein im Land der Menschenrechte würde zurechtkommen müssen.“

Die Geschichte des Jungen Koumaïl, der aus den Kriegswirren des Kaukasus bis nach Frankreich flieht und nie den Mut und den Glauben an das Glück verliert.
Und ein Buch darüber, wie weit Träume tragen.

 

Meine Meinung:

Ein Buch, das auf der Auswahlliste für ein Kinder- und Jugendbuch-Literaturseminar stand. Empfohlen ab 12 Jahren, aber selbst Erwachsene finden in diesem Buch treffende Aussagen.

Das Buch zeigt, dass Kinder natürlich eine andere Wahrnehmung haben, und diese wird hier in dieser Geschichte sehr gut beschrieben. Selbst in Kriegszeiten und Ausnahmesituationen verstehen sie es, sich eine eigene Welt zu schaffen und auch miteinander zu Normalität zu „spielen“, halt mit denen Dingen, die es gibt und die keine typischen Spielsachen sind.

Nun zu der Geschichte:

**Vorsicht Spoiler**

Koumail, 11 Jahre, wird in so einer Welt, einer Krisenregion, groß. Er und seine Ziehmutter sind Flüchtlinge. Sie bleiben immer nur an einem Ort, bis es eine „Razzia“ gibt und flüchten dann weiter, über fünf Jahre ziehen sie umher und nähern sich Ihren Ziel: Frankreich.

Gloria, seine Ziehmutter behauptet, Koumail’s richtiger Name ist Blaise Fortune und seine richtige Mutter kam bei einem Zugunglück ums leben, als er noch ein Baby war. Er sei Franzose ohne Papiere. Gloria sagt, in Frankreich werden sie uns aufnehmen.

Die guten und schlechten Tage wechseln sich ab, im Durchschnitt gibt es mehr schlechte Tage. Einer der schlechten Tage wird wie folgt beschrieben:

Seite 93: …Mit leerem Blick sagte ich zu Gloria, dass ich genug von den Widrigkeiten des Lebens habe. Ich bin fast elf und habe nichts als überstürzte Aufbrüche, schnelle Abschiede und großen Kummer erlebt. Wenn das so weiter geht, springe ich vom Laster und warte darauf, dass die Soldaten mich erschießen.“

Weitere Zitate:

Seite 104: „…Es ist ein langer Weg, aber das wichtigste ist doch, immer weiterzugehen, oder?“

Seite 116: „…und wenn Gloria gestorben wäre, hätte ich mich neben sie gelegt, um ebenfalls zu sterben. Das ist die reine Wahrheit“.

Egal wo sie sind, Koumail ist ein freundlicher Junge der überall schnell Kontakt zu anderen Kindern und Erwachsenen findet. Man mag diesen kleinen Kerl, und leidet mit ihm unter den Umständen, unter denen sie Leben. Was man halt so Leben nennen kann.

Die Flucht zieht sich durch verschiedene Länder, auch durch Rumänien. Schließlich helfen ihnen dort Zigeuner, also von vielen Völkergruppen die irgendwie unbeliebteste in Europa. Ich fand dass einen passenden Seitenhieb auf den Blickwinkel unserer Gesellschaft. Jedenfalls werden sie dort gut aufgenommen, bleiben einige Zeit, genießen die Gemeinschaft, müssen dann aber weiter. Gloria findet einen LKW, der nach Frankreich fährt, aber unterwegs verlieren sich Gloria und Komail.

Komail kommt durch und wird an der Grenze in Sarreguemines von der Polizei entdeckt. Da er ein Kind ist, darf er in Frankreich bleiben, Kinderflüchtlinge stehen unter besonderen Schutz. Komail wird als Blaise Fortune in Frankreich aufgenommen, auf eine Schule geschickt und bekommt mit 18 Jahren die franz. Staatsangehörigkeit. Während der ganzen Zeit vermisst er Gloria.

Seite140: „Art.20 Kinderrechtskonvention: Anspruch auf besonderen Schutz des Staates. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.“

Seite 147: „In der französischen Schule spielen die Kinder ein Spiel: Unglück gegen Unglück. Derjenige gewinnt, der das meiste Unglück hatte.“

Schlimmer geht immer.

Mir kam der Gedanke, dass Gloria ihn absichtlich unterwegs verlassen hat, einfach deshalb, weil Flüchtlings-Kinder, die alleine sind, größere Chancen haben, nicht wieder ausgewiesen zu werden. In dem Buch steht, es gibt sogar spezielle „Flüchtlingskinder-Klassen“, in denen Flüchtlingskinder die Sprache ihres Aufnahmelandes lernen usw. Das hat mich geschockt, denn es würde mich als Mutter vor die Frage stellen: Würde ich mein Kind alleine in eine „bessere Welt“ schicken? Könnte ich den Rest meines Lebens mit dem gewissen Leben, letztendlich nicht zu wissen, wie es meinem Kind geht, aber zu hoffen, dass es das Beste war? Mir kam der Gedanke, dass dieses Buch –vielleicht- mit einem anderen Titel noch viel mehr (Erwachsene) Leser hätten erreichen können. Wenn ich an Flüchtlinge dachte, dachte ich komischerweise nie an Kinder. Ich stelle mir vor, ich würde meinen Sohn in einem LKW verstecken, mit dem Bewusstsein, ihn nie wieder zu sehen. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Kaum auszuhalten. Oder? Daran kann man gerade als Mutter erkennen, wie schlimm die Lage in diesen Regionen sein muss, um auf solche Gedanken überhaupt erst zu kommen.

Und dann die Gegenseite: Ich wäre die Polizei/Behörde, die die Flüchtlingskinder betreut. Man weiß ja nicht, was diese Kinder für Schrecken erlebt haben. Wie gehe ich mit ihnen um?

Am Schluss nimmt die Geschichte eine Wendung, die man höchstwahrscheinlich als aufmerksamer Leser schon geahnt hat.

Koumails neue/alte Geschichte wird erzählt. Koumails wahre Geschichte.

 

Fazit:

Ein Buch, das man gelesen habe sollte, einfach, um mal über die Problematik der Flüchtlingskinder nachzudenken. Gerade jetzt wieder aktuell! (Sept. 2015; Flüchtlingswelle nach Europa).

Der Erzählstil war nicht so herausragend, aber der starke Inhalt machte dies mehr als wett. Ein Buch, auf das man sich aber auch etwas einlassen muss, aber das sehr authentisch und sehr aufwühlend ist.

Sehr lesenswert!

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